Teil 2:

Die Dunkelheit im Lokal war kein Zufall. Ein Kurzschluss? Oder Absicht? Niemand wusste es. Aber in der Schwärze klang das Atmen der Männer wie das Heulen von gefangenen Tieren.
„Licht an!“, brüllte eine Stimme. Ein Feuerzeug klickte. Dann noch eins. Kleine, tanzende Flammen warfen lange, verzerrte Schatten an die Wände.
Das Mädchen war weg.
Die Leere
Der Stuhl, auf dem der Anführer – Jax – gesessen hatte, war umgestoßen. Er stand mitten im Raum. Seine Hände zitterten nicht, aber seine Knöchel waren weiß, so fest ballte er die Fäuste. „Wo ist sie?“, zischte er. Sein Blick raste durch den Raum. Die Kellnerin kauerte hinter dem Tresen. Die Tür zum Hinterausgang schwang noch leicht im Wind. Quietschend. Rhythmisch. Wie ein Herzschlag, der aufhören will.
„Jax…“, flüsterte der Mann neben ihm, ein Riese namens Iron. „Daniel Hayes ist seit sieben Jahren tot. Wir haben die Erde selbst festgetreten. Wir haben…“ „Halt dein Maul!“, unterbrach ihn Jax. Seine Stimme war brüchig. „Sie hat gesagt, er hätte es ihr erzählt. Nicht damals. Sondern danach.“
Das Zeichen
Jax trat zu dem Tisch, an dem das Mädchen gestanden hatte. Dort, wo ihr kleiner Finger auf sein Tattoo gezeigt hatte. Auf dem dunklen Holz des Tisches lag nun etwas. Ein Gegenstand. Klein. Metallisch. Ein alter, verrosteter Schlüssel mit einem Anhänger. Ein Name war in das Metall geritzt: STYX.
Ein kollektives Luftholen ging durch die Gruppe. Styx war nicht nur ein Name. Es war der Codename für das Projekt, das sie alle für beendet hielten. Das Projekt, das Daniel Hayes das Leben gekostet hatte. Oder etwa nicht?
Neue Schatten
Draußen jaulte ein Motor auf. Kein schweres Grollen einer Harley. Sondern das hohe, schneidende Kreischen einer Sportmaschine. Es entfernte sich mit rasender Geschwindigkeit.
„Sie ist nicht allein“, sagte Iron und griff nach seiner Weste. „Wenn sie weiß, was wir ‘danach’ getan haben… dann weiß sie auch von dem Grab im Wald.“ Jax sah auf den Schlüssel in seiner Hand. „Nein“, sagte er leise. „Sie weiß mehr. Sie weiß, dass das Grab leer ist.“
Plötzlich vibrierten alle Handys auf dem Tisch gleichzeitig. Eine Nachricht. Kein Absender. Nur ein Bild.
Es war ein Foto von ihnen allen. Genau in diesem Moment. Von oben aufgenommen. Durch die Decke? Und darunter ein einziger Satz auf Deutsch: „Die Toten schweigen nicht mehr. Sie warten im Keller.“
Der Abgrund
Jax sah zur Falltür hinter der Bar. Die Tür, die seit sieben Jahren mit Vorhängeschlössern gesichert war. Dort, wo sie die Beweise aufbewahrten. Die Schlösser waren weg. Stattdessen klebte dort ein frischer Handabdruck aus Kinderhand. In roter Farbe. Oder Blut.
Jax spürte, wie die Welt um ihn herum instabil wurde. Die Hierarchie des Clubs, ihre Bruderschaft, ihre Sicherheit – alles zerfiel. „Wer ist dieses Kind?“, fragte jemand mit erstickter Stimme.
Jax antwortete nicht. Er wusste es jetzt. Die Augen. Diese kalten, blauen Augen. Sie gehörten nicht Daniel Hayes. Sie gehörten der Frau, von der sie behauptet hatten, sie sei bei dem Unfall ebenfalls gestorben.
Die Wahrheit war kein Grab. Die Wahrheit war eine Falle. Und sie waren gerade hineingetappt.
Jax legte die Hand auf den Ring der Falltür. „Bereit?“, fragte er. Niemand antwortete. Er zog.
Das Geräusch von brechendem Holz hallte wie ein Schuss durch das Lokal. Unten brannte Licht. Und es gab Musik. Ein altes Wiegenlied.